Die Rodenberger Linie

5.1 Es ist fast beschämend, wie wenig wir von dem Menschen Julius Heuser, seinem Charakter und seiner Lebensart wissen. Er wurde am 1. Dezember 1920 in Eschwege geboren und studierte, dem Beispiel seines Vaters und seiner Vorfahren folgend, die Rechte in Marburg. Wann er sich in Rodenberg, in der Nähe der niedersächsischen Kleinstadt  Rinteln, als Rechtsanwalt nieder ließ, ist nicht bekannt, wohl aber, weshalb es ihn nach Rinteln zog; aus den Erinnerungen seines Sohnes Carl erfahren wir es: „Mein Vater war meiner Mutter, dem Spross einer in der Grafschaft Schaumburg ansässigen Familie, zu Liebe, in deren Heimat gezogen. Beim Aussterben der Schaumburger Linie war die Grafschaft im 17. Jahrhundert zum größten Teil an die damaligen Landgrafen von Hessen-Kassel gefallen. Mein Vater blieb also seinem bisherigen Landesherrn getreu.“

Ende der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wird er sich in Rodenberg mit seiner Anwaltspraxis etabliert haben; die Praxis muss auch floriert und ihn in den Ruf eines angesehenen Mannes gebracht haben. Denn 1855 wird Julius Heuser zum Bürgermeister von Rodenberg gewählt. In Band II der Chronik der Stadt Rodenberg von 1912 (2. Auflage 1967, bearbeitet von Adolf Mithoff, Rodenberg) findet sich folgende Eintragung (S.156 ): „Im Jahre 1855 legte Bürgermeister Heinrich Matthei anläßlich seiner Auswanderung nach Amerika das Bürgermeisteramt nieder, worauf man den Rechtsanwalt Julius Heuser zum Bürgermeister erwählte.“ Julius Heuser muss demnach ein politisch denkender Mann gewesen sein, dem das öffentliche Interesse der Gemeinde, in der er lebte und arbeitete am Herzen lag. 31 Jahre lang -bis zu seinem Tode- „stand er in gewissenhafter Pflichterfüllung an der Spitze der Stadtverwaltung“, wie es in der zitierten Chronik der Stadt Rodenberg auf S. 173 heißt.

Am 12. April 1855 heiratete er zu Rodenberg Ida, die Schöne, geb. am 2. März 1834 zu Sachsenhagen, Tochter des Domänenpächters Neussell zu Rodenberg. Am 17. Januar 1886 starb Julius Heuser in Rodenberg an einer Nervenlähmung.

Nach dem Tode ihres Mannes unterhielt Ida Heuser in ihrem Hause in Rodenberg ein Mädchenpensionat; eine ihrer Pensionatstöchter war Anna Struckmann, die spätere Frau von Julius Heuser jun. – er lernte sie im Pensionat seiner Mutter kennen. Es ist anzunehmen, dass Ida Heuser aus finanziellen Gründen gezwungen war, sich durch das Pensionat ihren Lebensunterhalt oder auch nur ein „Zubrot “ zu verdienen, denn so wohlhabend, dass sie von Kapitalerträgnissen hätte leben können, wird Julius Heuser sen. nicht gewesen sein. Und keines der Kinder stand schon selbständig im Leben! Die letzten Lebensjahre verbrachte Ida Heuser bei ihrer Tochter Amelie und deren Mann in Großburgwedel bei Hannover. Sie starb dort am 31. Januar 1914 , kurz vor Vollendung ihres 80. Lebensjahres. Julius und Ida Heuser hatten 5 Kinder, 4 Söhne und eine Tochter:


1) Otto Heuser, geb. 9. Januar 1856 in Rodenberg, „bald nach der Geburt gestorben“, wie es in der Chronik von 1900 heißt. 2) Louis Heuser, geb. 5. Mai 1857 in Rodenberg; er ging 1886 als Forstmann nach Chile, verheiratete sich 1894 mit Adele Campos. Danach kamen keine Lebenszeichen mehr von ihm; er soll alsbald in den damaligen chilenisch-bolivianischen Grenzwirren umgekommen sein. Sein Bruder Carl hat später bei seinen mehrmaligen Aufenthalten in Südamerika Nachforschungen angestellt, stieß dabei auch auf Träger des Namens Heuser, es handelte sich aber nicht um Nachkommen von Louis, dessen Schicksal er ebenfalls nicht aufklären konnte