Die Rodenberger Linie

  1. Nachdem er 1947 wegen wiederholten unerlaubten Rauchens auf dem Schulhof des Ratsgymnasiums von der Schule relegiert worden war -eine beachtliche Negativleistung der Schulleitung in Anbetracht der Zeitumstände- lernte Jürgen Heuser das Maurerhandwerk, weil er damals noch den Wunsch hegte, Architekt zu werden – eine reizvolle und lohnenswerte Aufgabe im Hinblick auf unsere zerstörten Städte. Nach erfolgreicher Beendigung der Lehre holte er auf dem Internat in Cappel bei Marburg sein Abitur nach, studierte dann aber doch von 1950 bis 1955 an den Universitäten Marburg und Frankfurt Rechts- und Staatswissenschaften, weil er seine künstlerische Begabung für den Architekturberuf als nicht ausreichend erachtete – Jürgen Heuser wollte nie nur Mittelmaß sein.
    Nach seinem 4. Semester -in damaliger Zeit noch eine Seltenheit- heiratete er am 22. März 1952 in der Marburger St. Elisabethkirche seine Jugendliebe Gudrun Renate Petri, geb. 11. Dezember 1929 in Marburg, Tochter des Marburger Fabrikanten Wilhelm Petri und dessen Ehefrau Emmy, geb. Brühl. Schon als Referendar arbeitete er in der Praxis des Frankfurter Rechtsanwalts Cohn-Bendit mit (später wurde er der Vormund des Sohnes seines Senior-Partners, des in den 60-er Jahren bekannten Führers der französischen Studentenunruhen Daniel Cohn-Bendit) und war in Frankfurt bis zu seinem viel zu frühen Tode am 3. April 1978 durch Herzversagen in seinem Hause in Walldorf als angesehener Rechtsanwalt und Notar in Frankfurt tätig.
    Sein Bruder Rolf schrieb in einem Nachruf über ihn:
    „In seiner 20-jährigen Anwaltstätigkeit bewies Jürgen Heuser in unermüdlicher Schaffensfreude seine Bega­bung für seinen Beruf, den er nicht nur als Beruf, sondern auch als Berufung begriff, anderen Menschen zu raten und zu helfen. Mit Umsicht und Fleiß setzte er hierfür seine juristischen Fähigkeiten ein und erwarb sich Achtung und Ruf in reichem Maße bei seinen Mandanten wie bei seinen Kollegen. Er war allen, die mit ihm lebten, ein Freund, der stets da war, wenn er gebraucht wurde, und der in einer Weise hilfsbereit war, die Dankbarkeit fast beschämend wirken ließ; er wollte sie nicht – es war ihm selbstverständlich.“
    Jürgen Heuser‘ s Denkweise charakterisierte sein Freund Helmut Hansen auf der Trauerfeier vor einer großen Schar von Trauergästen wie folgt:
    „Sein Denken war darauf ausgerichtet, der Entwicklungsmöglichkeit des Individuums weitestmöglichen, menschlichen Spielraum zu lassen. Hierbei sah er klar die Grenzen solch freier Denkweise durch Anerkennung historisch gewachsener Formen und Entwicklungen – was ihm möglich war durch intensives Studium unserer Geschichte und vor allem der Zeitgeschichte. So gesehene Anerkennung von Stil und Form in unserer Gesellschaft zeigten ihn sicherlich auch mit einer konservativen Seite.“
    Seine Witwe Gudrun Heuser lebte bis zu ihrem Tod am 18.10.2015 im Hause in Mörfelden-Walldorf, Amselweg 3[2].
    Ein Auszug aus der Trauerrede, die ihr Sohn Jörg geschrieben hatte lautet:
    „Gudrun war belesen und kannte sich gut in der Literatur aus. Auch an Politik und dem aktuellen Zeitgeschehen war sie sehr interessiert. Wenn ihre Enkelkinder geschichtliche Fragen hatten, war sie stets der richtige Ansprechpartner.
    Zitat: „geh und frag die Ma[3], die wird dir dazu schon was sagen können“

    Ein gutes Fußballspiel im Fernsehen, wusste sie ebenso lauthals zu kommentieren wie politische Diskussionen. In ihrem Garten fühlte sie sich wohl und genoss jeden Sonnenstrahl in mitten ihrer Blumen.“

Kinder:

  1. Claus Heuser, geb. 13. Februar 1954 in Frankfurt; nachdem er sein juristisches Studium an den Universitäten Marburg und Mainz im Sommer 1980 abgeschlossen hatte, arbeitet er als selbständiger Anwalt in Mörfelden. Er wand sich einige Jahre nach dem Tod seines Vaters komplett von seiner Familie ab. Er war verheiratet, seine Frau Helga verstarb im August 2019.

[1] In Österreich, das langjährige Ferienhaus der Familie, das heute im Besitz von Jörg Heuser ist.

[2] Das „Neutra“ Haus steht zusammen mit der gesamten Siedlung heute unter Denkmalschutz

[3] Sie wollte nie Oma genannt werden und bekam von Ihrer Enkeltochter Amélie, die das O immer verschluckte dem Namen Ma, der seitdem von allen benutzt wurde, sie war einfach die Ma