Die Rodenberger Linie

Streber; dazu war er viel zu sehr Kamerad mit Frohsinn und Mutterwitz. Eigentlich stand ich mit ihm in einer Art Wettbewerb, aber seltsam, ohne daß einen von uns auch nur eine Spur von Eifersüchteleien innewohnte. Ich gönne ihm Lob und bessere Noten genauso, wie er nicht neidisch wurde, wenn ich ihn mal überholt hatte. Wir haben uns glänzend verstanden; er liebt Berge und Wälder wie ich.

Fritzchen war schlank und rank, um nicht zu sagen dürr. Er war ganz und gar unmusikalisch. Wenn wir ein Lied anstimmten, bewegte er nur die Lippen, brachte aber keinen Ton heraus. Wenn wir uns „einen zur Brust“ nahmen, da drängte er sich ebenso wenig vor wie im Unterricht. Er glaubte, er könne Kohlensäure und kalte Sachen nicht vertragen; jedenfalls hatte ihm der Facharzt erklärt, er habe es an Galle und Magen. Ich bezweifle, dass diese Beurteilung gestimmt hat, bin vielmehr überzeugt, daß er der gesündeste, zäheste Kerl der Welt war. Beide Weltkriege hat er als Artillerieoffizier bestens überstanden und läßt sich auch heute noch nicht abgehen.

Bei seinen Eltern habe ich unzählige Male den Nachmittagskaffee eingenommen, das war mir schon zur lieben Gewohnheit geworden. Ich mußte mich für die unzähligen Stunden, die ich in Heusers gastlichen Hause verlebte, erkenntlich zeigen und konnte dies durch eine Einladung, die Pfingstferien bei uns zu verbringen. Er willigte natürlich gerne ein, wenn auch noch mit gewissen Hemmungen, denn swein Leibarzt hatte ihm eine lange Diätvorschrift mit auf den Weg gegeben und SCHonkost verordnet: Zartes vom Kalb, Huhn und Taube, Pastetchen mit feinen Kräutern. Das alles war gar nicht so ohne weiteres greifbar, denn wir bewohnten und bewirtschafteten damals noch die Domäne, und da wurden nur deftige Speisen dargeboten, wie das auf dem Lande üblich war. Mein Freund ließ sich das Sondermenue nach Kräften schmecken und ich leistete ihm wacker Gesellschaft.“
Als der Verfasser dieser Chronik vor Beginn seines juristischen Studiums seinen Onkel Fritz fragte, worauf es denn bei diesem Studium im Wesentlichen ankomme und welche Schwerpunkte er setzen solle, erklärte dieser erfahrene Jurist lakonisch: „Kenne Dich immer im Findix aus!“ (die Juristen bezeichneten das Stichwörterregister als Findix). Der Verfasser hat diesen Rat beherzigt und ich damit nicht schlecht gefahren.